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Apoll mit weißem Umhang – eine maltechnische Besonderheit und ein konservatorisches Problem
30.09.2008
Dass die Apollgruppe nicht nur zu den ersten Tagwerken gehörte, die Giovanni Battista Tiepolo 1751 im Kaisersaal anlegte, sondern auch maltechnisch etwas Besonderes ist, war bereits bei den Voruntersuchungen 1997 festgestellt worden. Vor allem der Umhang Apolls, das Weiß und die kräftigen Zinnoberschatten wirken außergewöhnlich, ein eigenartiger Effekt des Meisters an einer besonderen Stelle des Gemäldes.

Abb. Apoll mit Umhang im Mittelfresko des Kaisersaals, Aufnahme nach der Restaurierung 2008
Der weiße Umhang besteht nicht, wie bei anderen hellen Partien, aus einer festen kalkreichen Oberfläche. Die mikrochemische Analyse der entnommenen Probe mit der typischen Schichtenabfolge: Weiß – Rosa – Rot (Zinnober) ergab, dass alle Schichten als Trägersubstanz ausschließlich Gips enthalten. Vermutlich war ein proteinhaltiges Bindemittel zugesetzt worden, das jedoch nicht mehr nachzuweisen war. Ob die Vermutung zutrifft, dass ursprünglich Kreide eingesetzt wurde, die sich im Laufe der Zeit unter dem Einfluss schwefelsaurer Luft in Gips umgewandelt hat, kann erst nach besonderen Analysen zur Kristallstruktur beantwortet werden. Wahrscheinlicher ist es, dass der Meister Bologneser Kreide (Calciumsulfat, „tot-gerührter“ Gips) verwendet hatte.
Dieser für Deckenfresken ungewöhnliche maltechnische Aufbau, war möglicherweise der „Kunstgriff“, von dem Martin von Wagner später hörte oder las und den er in seinen Tagebuchaufzeichnungen um 1797 kurz beschreibt: „Ein Kunstgriff den Tiepolo gebraucht hat, um mit Zinober auf Fresco zu malen. Mit gemeinem Zinober kann man gar nicht auf Fresco malen, aber doch mit chinesischem wenn man zuvor den Kalch dazu zubereitet auf folgende Art, man bewirft nemlich den ort, wo man seinen Zinober malen will, die deile [Teile] mit Gibs der nur wenig mit Kalch vermischt ist. Dann heftet das Zinober seine Farb darauf.“ (Tilman Kossatz, in: Peter O. Krückmann (Hrsg.), Der Himmel auf Erden - Tiepolo in Würzburg, Katalog zur Ausstellung in der Residenz Würzburg, Bd.II, Dok.56 Notizbuch Martin von Wagners, S.16). Da normalerweise das Pigment Zinnober zwar lichtempfindlich aber kalkbeständig ist, verwundert dieses Rezept. Möglicherweise könnte mit „gemeinem Zinober“ ein besonderes Verschnittprodukt gemeint sein. An den Würzburger Fresken Tiepolos wurden Zinnober in unterschiedlich hoher Konzentration in Ausmischungen v.a. mit Rotem Ocker oder Hämatit, also klassischen Freskopigmenten, nachgewiesen.
An unserem Beispiel stellte sich die Situation so dar, dass der Oberkörper Apolls in den Randzonen, aber auch in den ihn umgebenden Motiven an verschiedenen Stellen bereits abgeplatzt war. Vermutlich legte Tiepolo in einer Erweiterungs- oder Korrekturphase unmittelbar auf die Gips-Zinnober-Schicht Übermalungen, die sich nicht mit der gipshaltigen Lage dauerhaft verbanden. Dies unterstreicht erneut die gelegentlich etwas sorglose Vorgehensweise Tiepolos im Hinblick auf Stabilität und Dauerhaftigkeit seiner Fresken.

Abb. Abplatzungen der Malschicht, Aufnahme 1944
Abplatzungen bzw. Fehlstellen, wie sie bereits auf frühen fotographischen Aufnahmen erkennbar sind, wurden zwar bei der Nachkriegsrestaurierung geschlossen, doch konnten die Altretuschen nach der jüngsten Reinigung des Gemäldes keineswegs befriedigen und mussten weitgehend abgenommen werden. Doch zunächst galt es, die bereits von der Unterschicht gelösten Malschichtschollen wieder zu stabilisieren und zu festigen. Komplizierter gestaltete sich die flächige Festigung, da ein Durchdringen des aufgebrachten Bindemittels (Ludox, Tylose) selbst nach entsprechender Vornetzung nicht erreichbar war. Die partiell hohl liegende obere Malschicht ließ sich nur nach Penetration in Form winziger Löcher (Feinkanülen) mit der „weichen Unterlage“ verkleben.
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