
Auf den Spuren einer Leidenschaft - Tiepolo und der Frankenwein
01.04.2008
Bei der Bearbeitung der Stichkappen des Kaisersaals wurde ein (1947 entstellend rekonstruiertes) Gemäldedetail als Weinblatt identifiziert, das als Hinweis auf eine bislang unerkannte Leidenschaft Giambattista Tiepolos zum Frankenwein gewertet werden kann. Zudem ließ sich eine maltechnische Besonderheit (bei der Weinsäure eine Rolle spielt) erkennen und im Rahmen einer Testreihe nachstellen. Hier sei der Versuch unternommen, die etwas komplizierten Zusammenhänge in einem Kurzbericht darzulegen.

Abbbildung 1: Allegorie der Mildtätigkeit („Clementia“ in der Stichkappe IX), Zustand 1946
Die nach der Kriegszerstörung der Residenzdächer entstandenen Verluste waren in der Grünmalerei besonders hoch. Zustandsfotos von 1946 zeigen große Partien, an denen der Putz und mit ihm die Malschichten abgefallen waren (Abbildung 1). Bei der Rekonstruktion standen den Restauratoren 1947/1950 offenbar keine ausreichend guten Bildvorlagen zur Verfügung, denn selbst in figürlichen Bereichen sind die Gemälde partiell abweichend vom Vorkriegszustand (d.h. von der weitgehend unveränderten Malerei Tiepolos) wiederhergestellt worden.
Auch vergleichsweise kleine Substanzverluste in der Allegorie von Tugend und Verdienst („Virtus“ und „Merito“ in der Stichkappe II) wurden „vermittelnd“ ersetzt, wenn nicht entstellend rekonstruiert. Entlang einer Risszone, die sich durch den Arm der weiblichen Gestalt und den Kopf des alten Mannes zog, kitteten und bemalten die Restauratoren die Fehlstelle (Abbildung 2).

Abbildung 2: Allegorie von Tugend und Verdienst (Ausschnitt), Zustand 1997, zeigt die Teilrekonstruktion von 1947/50 im Rißbereich
Im Vergleich mit einer Fotoaufnahme von 1944 (Abbildung 3), die Tiepolos Fresko vor der Beschädigung zeigt, erkennt man, dass die Strahlen der Sonnenscheibe, aber auch das untere Blatt der Kopfzier des Greises mit der Rekonstruktion nicht übereinstimmen.

Abbildung 3: Allegorie von Tugend und Verdienst (Ausschnitt), Zustand 1944
Der Lorbeerkranz hatte zwischen dem Hinterkopf des Alten und dem Strahlenkranz eine sonderbare Form. Hier ist kein Lorbeerblatt und wohl auch kein Gewandkragen oder fränkischer Rechen abgebildet. Das Blatt, das am unteren Bogen des Kranzes befestigt wurde, ähnelt mit seinem gezackten Rand dem einer Weinpflanze. Da wir davon ausgehen, dass die Abbildung einen (bis auf den Riss und die Verschmutzung) unverfälschten Zustand des Gemäldes wiedergibt, könnte eine Motivbetrachtung im weiteren Umfeld von Interesse sein.
Abbildung 4: Allegorie von Tugend und Verdienst, Zustand nach der Restaurierung 2004. Das Gemälde, ein auf Leinwand übertragenes Fresko, ist nach aufwändiger Restaurierung heute im Tiepolo-Kabinett des Berliner Bode-Museums zu besichtigen.
Eine ähnliche Darstellung von „Virtus“ und „Merito“ hatte Tiepolo übrigens ein paar Jahre später für den Palazzo Volpato Panigai im norditalienischen Nervesa geschaffen (Abbildung 4). Auf diesem Bild erkennen wir einen „reinen“ Lorbeerkranz. Auch auf anderen Gemälden des Meisters mit dem gleichen Motiv befindet sich kein Weinblatt an dieser Stelle. Das Weinblatt im Kranz des „Merito“ im Würzburger Kaisersaal ist also eine Ausnahme unter vergleichbaren Darstellungen. Als ob Tiepolo eine Spur gelegt hat, stößt man wenige Meter von der gezeigten Szene auf eine plastische Weinranke. Diese windet sich um den vergoldeten Rahmen des Mittelfreskos und setzt sich in gemalter Form bis zum Kopfschmuck eines bärtigen Mannes fort.

Abbildung 5: Flussgott Main mit Weinranke, Zustand 2008
Er erscheint wie ein Zwillingsbruder des „Merito“, hat jedoch weniger tugendhaft eine hübsche Nymphe im Arm und ist unschwer als Flussgott Main zu identifizieren. In der optischen Verlängerung der Weinranke entlang einer zartrötlichen Wolke treffen wir auf Weingott Bacchus höchstpersönlich. Bequem auf weichem Wolkenbett gelagert, hat er vorerst genug getrunken und möchte die Trinkschale absetzen. So bekommt er das grandiose himmlische Spektakel kaum noch mit, bei dem Apoll nebst Gefolge Beatrix von Burgund auf einem ungewöhnlichen Ausflug begleitet.

Abbildung 6: Weingott Bacchus unter dem Sonnenwagen Apolls, Zustand 1997
Doch was hat Apoll eigentlich in der Hand? Der obere Teil der Figurine ist wiederum eine Teilrekonstruktion der Restaurierung von 1947/50, über deren Glaubwürdigkeit bereits nachgedacht wurde. Handelte es sich vielleicht ursprünglich um eine bauchige Weinflasche, die der Gott des Lichtes mit sich führt und stand für Beatix von Burgund etwa eine Vorgängerin der fränkischen Weinkönigin Modell? Hier mag es widersprüchliche Meinungen geben. Sicher erscheint jedoch, dass Tiepolo mit seinen Fresken im Würzburger Kaisersaal nicht nur einen gut bezahlten Auftrag ausführte, sondern auch seinem Gastland Franken ein besonderes Geschenk machen wollte. Das Weinblatt am Lorbeerkranz des „Merito“, die Weinranke beim Flussgott Main, der Boxbeutel in der Hand Apolls und der jünglinghafte Bacchus sprechen für sich.
Aber warum erweist der große Meister aus Italien dem fränkischen Wein eine solche Reverenz? Zur Beantwortung dieser Frage stelle man sich die Situation Giambattista Tiepolos vor, nachdem er im trüben Winter 1750 aus der Weltstadt Venedig in das provinzielle Würzburg gekommen war. Ein sensibler Mann um die Mitte fünfzig kann unter diesen Umständen in eine innere Krise gelangen, die Heimweh auslöst und vielleicht zur Schwermut führt. Wohl gab es eine Fülle von Aufgaben, die in Vorbereitung der Ausgestaltung des Kaisersaals zu erledigen waren. Auch werden Domenico und Lorenzo, die sich mit den Würzburger Verhältnissen rasch arrangierten, versucht haben ihren Vater zu trösten. Doch der Griff des alten Tiepolo zur Flasche häufte sich und bald schon waren die mitgebrachten Vorräte an Zigarren und Wein aufgebraucht. Glücklicherweise gab es im neuen Jahr zunehmend oft Einladungen und Besuche, die Tiepolo vor allem den Bildhauer Antonio Bossi und den Vergolder Ignatz Roth nahe brachten, mit denen er ab dem Frühjahr 1751 auf den Gerüsten des Kaisersaals arbeitete.

Abbildung 7: Porträt des Ignatz Roth im Treppenhausfresko, Zustand 2006
Beiden Männern hat der Venezianer in seinem großen Treppenhausfresko 1753 ein besonderes Denkmal gesetzt. Man muss nur das weinselige und fröhliche Gesicht des Franken Roth (Abbildung 7) ansehen, um sich die fleißige aber auch lustige Künstlergruppe vorstellen zu können. Nicht selten wurde eine gute Flasche Frankenwein getrunken und bald erkannte Tiepolo die Qualität des bodenständigen, säurereichen Getränks, seine kräftige und erdige Note.
Doch der Frankenwein diente keineswegs nur dem leiblichen Wohlergehen. Bossi verlängerte mit einem Zusatz die Verarbeitungszeit seiner Stuckmasse und Tiepolo nutzte die Weinsäure für eine ganz spezielle künstlerische Technik. Auf der Makroaufnahme eines kleinen Ausschnitts des Treppenhausfreskos (Abbildung 8) ist die mit einer hellen Schicht überzogene rote Untermalung zu sehen. Als Pigment setzte der Meister Bergzinnober ein, ein relativ teures Material, das durch seinen charakteristischen roten Farbton eine besondere Intensität besitzt. Doch erst durch ein „partielles Aufbrechen“ der weißlichen Kalklasur entfaltet der Zinnober eine ganz spezielle Wirkung, gelangt die so behandelte Malerei Tiepolos zu ihrer besonderen Delikatesse. Man erkennt einen breiten Pinselstrich, der offensichtlich zur Auflösung des Überzugs führte und neben einem bräunlichen Reaktionsprodukt die leuchtende Zinnoberschicht freigibt.

Abbildung 8: Rotuntermalung mit Bergzinnober und „aufgebrochene“ helle Überfassung im Bereich des Pinselstrichs, makroskopische Aufnahme eines Gemäldedetails im Gewölbefresko des Treppenhauses, Zustand 2003
Lange rätselten die Restauratoren und Naturwissenschaftler, mit welcher Substanz hier gepinselt worden war, denn rein analytisch kam man (bei der geringen Menge der zugestandenen Probe) zu keinem Ergebnis. Da es sich jedoch vermutlich um eine schwache organische Säure handelte, die den Kalk chemisch umgesetzt hatte, wurden auf entsprechenden Musterplatten Tests mit verschiedenen Fruchtsäuren vorgenommen.
Neben Obstessig experimentierten die Restauratoren auch mit verschiedenen Weinsorten, die sie mit dem Pinsel auf genau definierte Probeflächen auftrugen. Nach etwa zwei Tagen Einwirkung zeigten sich die ersten Reaktionen, wobei die mit einem Riesling (Jahrgang 2005) behandelte Musterplatte dem gewünschten Ergebnis schließlich am nächsten kam. Mit diesem Riesling aus der Inneren Leiste unterhalb der Festung Marienberg, der in Franken und speziell in Würzburg bereits im Mittelalter erfolgreich kultiviert wurde und der Tiepolo und seinen Freunden wahrscheinlich besonders gemundet haben mag, gelang nicht nur die Rekonstruktion einer maltechnischen Besonderheit aus der Trickkiste des berühmten Tiepolo, sondern indirekt die Bestätigung der Liebe des großen Venezianischen Meisters zum Frankenwein.
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